kurzgeschichten


Unterhaltung in der Natur

 

"Dass du den größten Teil deiner Freizeit hier am See verbringst, kann ich nicht verstehen. Hier ist doch nichts los, immer nur Bäume und Sträucher um Dich herum. Dann noch diese Stille. Wenn Du wenigstens ein Radio mitnehmen würdest, dann hättest Du ein wenig Unterhaltung und Abwechslung.“
Ich sehe meinen Bekannten an und lache. „So so, dann hätte ich also Unterhaltung und Abwechslung, meinst Du.“
Die Sonne steigt höher und in der Allee, die oberhalb des gegenüberliegenden Ufers liegt, leuchtet es, als hätte sie dort ein Begrüßungsfeuer entfacht. Die am Ufer stehenden Ebereschen und der schwarze Holunder sind mit weißen, reichblütigen Rispen geschmückt und verströmen einen wunderbaren Duft. Ein Rascheln im Schilf und schmatzende, schlürfende Geräusche dringen an mein Ohr. Die Karpfen sind erwacht und holen sich ihr Frühstück. Dieses schmatzende Geräusch entsteht, wenn sie sich ihr Futter von der Wasseroberfläche holen. Mit ihrem weit vorgestülpten Maul, das durch die wulstigen Lippen zu einem Rüssel geformt werden kann, saugen sie die Beute zu sich heran.
In der Mitte des Sees begrüßen nun die Forellen mit eifrigen Sprüngen den jungen Morgen und zwischen diesem Getümmel, bewegt sich eine Bisamratte, die den Weg zum Ufer heute mal an der Wasseroberfläche zurücklegt. Bisamratten sind ausgezeichnete Schwimmer und Taucher. Ihre Behausung ist hier eine ein Meter hohe Schilfburg, deren Eingang unter Wasser liegt, um unerwünschte Räuber fernzuhalten.
Steif wie ein Stock steht ein Graureiher in unmittelbarer Nähe der Bisamburg. Reiher und Bisam kennen sich, beachten sich aber kaum. Futterneid gibt’s zwischen den beiden nicht, denn der Reiher bevorzugt Fische, wohingegen die Bisamratte sich überwiegend von Wasserpflanzen ernährt.
Die Sonne steht mittlerweile über den riesigen, alten Lindenbäumen und lässt den See in seinem schönsten Blau leuchten. Kleine, vom milden Wind getriebene Wellen tragen zarte Perlchen zum Ufer, von denen manche die Schilfhalme hinaufklettern.
Ein Blässhuhn, welches dieses Schauspiel beobachtet, pickt plötzlich an einem der jungen Schilfhalme herum. Ob es die Wasserperlchen vielleicht mit irgendwelchen Insekten verwechselt hat?
Mein Bekannter ist ganz still. Ich drehe mich nach ihm um und muss lachen.„Der hat sich schon vom Acker gemacht. Wird bestimmt zu Hause vorm Fernseher hängen und sich die Talkshows ansehen. Ich werde auch jetzt gehen. Dann bis Morgen, mein Zaubersee.“ Am Wegrand stehen schon einige Maipilze. Vor zirka fünfundzwanzig Jahren, habe ich die Fruchtkörper dieses Pilzes hier schon entdeckt. Damals fing ich gerade mit dem Pilzstudium an und war noch sehr vorsichtig im Umgang mit den kleinen Wald- und Wiesenbewohnern. In der pilzarmen Zeit ist dieser Maipilz, der auch Georgsritterling genannt wird, ein geschätzter Speisepilz, von denen ich mir jedes Jahr einige Exemplare mitnehme. Mit Speck und Zwiebeln gebraten einer ordentlichen Portion Petersilie bestreut, habe ich mir schon oft ein köstliches Pilzgericht aus ihnen zubereitet. Die Zeit, die ich hier am See, manchmal auch am nahen Fluss oder auch im Wald verbringe, ist für mich das Erleben der Verbundenheit mit der Natur und wie ich immer sage: “ Es klingt sanfter Glockenklang und in seinem Lied die Weise, dass alles Sichtbare ein Gleichnis sei und hinter allem der Geist und das ewige Leben wohnen.

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Karmische Vergeltung

Nebel drückt auf das Tal und der Morgen will nur langsam erwachen. Vom Fluss her, hört man das leise Plätschern der Wellen, ab und zu schickt ein früher Singvogel seine Noten in die Welt. Durch die feuchten Flussauen stapft ein Mann. Es ist Opa Jan, der, wie jeden Morgen, zum Angeln geht. Opa Jan ist schon fünfundsiebzig aber noch gut in Form. Seit fünfzig Jahren ist er Angler, hat schon manch´ kapitalen Fisch an Land gezogen. Aber, seit ein paar Jahren, wirft er die Angel gar nicht mehr aus. Er lauscht meistens dem Flüstern des Windes, der oft spannende Geschichten in seinem Gepäck trägt. Früher war das mal anders. Da stand er oft, mit den Jungen des Dorfes, im Wettkampf. Jeder wollte der Beste sein, möglichst viele Fische an den Haken bekommen und natürlich auch die Größten. Das alles ließ irgendwann nach. Er wollte nicht für den Tod dieser Fische Preise und Pokale gewinnen.
Auch an diesem Morgen legt er seine Angel neben dem alten Klappstuhl ab. Aufmerksam beobachtet er das Spiel der Wellen, die von der Strömung in die Ferne getragen, doch an gleicher Stelle immer wieder neu geboren werden.

In letzter Zeit hatte er seinen Blick immer öfter nach Innen gerichtet, suchte nach Antworten und Wegen.
 „Jan, Jan“, hörte er plötzlich eine Stimme flüstern.  „Geh´ zur kleinen Schleuse, werfe dort Deine Angel aus, entferne aber vorher den Haken von der Schnur.“
Was war das, Angeln ohne Haken, wie soll denn da ein Fisch anbeißen?
„Lieber Wind, heute redest Du aber Unsinn. Angeln ohne Haken, wie soll das denn funktionieren? Da kann ich den Köder ja gar nicht befestigen. Nee, auf solche Scherze fällt der alte Jan nicht rein.“
Der Wind wiederholt seine Aufforderung, fügt noch hinzu:
 „Befolge meinen Rat, Jan. Deine Tage sind gezählt. Geh´ jetzt und tue was ich Dir gesagt habe.“
Die Stimme des Windes klingt heute anders als sonst. Sie ist dunkler und energischer. Jan, der sich aber davor nicht fürchtet, antwortet:
„Na dann will ich mal tun was Du sagst, alter Freund. Bis jetzt hast Du mich noch nie enttäuscht. Im Gegenteil, es war immer spannend und abenteuerlich, wenn Du Deine Geschichten aus dem Gepäck gekramt hast.“
Jan läuft die paar Meter bis zur Schleuse, entfernt lächelnd den Haken von der Angelschnur, holt aus, und sieht wie die Schnur in der Tiefe des Flusses versinkt. Er glaubt zu träumen, als plötzlich ein gewaltiger Ruck seine Angelrute durchzuckt.
„Nanu, da kann doch gar nichts anbeißen, ohne Haken und Köder.“
Er dreht an der Rolle und spürt einen leichten, gleichmäßigen Widerstand. Langsam und Stück für Stück dreht er weiter, bis plötzlich ein kleines Männlein die Uferböschung hinaufgekrabbelt kommt und sich heftig schüttelt. „Wurde aber auch Zeit. Hättest Dich ruhig schon früher an mich erinnern können.“
Jan steht mit weit geöffnetem Mund vor dem Männlein. Er braucht eine Weile, um seine Sprache wieder zu finden.
„Du, du….. du siehst ja haargenau so aus wie ich. Bist nur viel kleiner.“
„Ich bin der Spiegel Deines Lebens. In mir leben Erinnerung und Gegenwart. Das Buch Deiner vielen Jahre trägt noch keinen Namen, denn die letzte Seite ist noch leer. Der Jugend verzeiht man manches Vergehen, doch reift der Geist, so sei er voller Achtsamkeit und Frieden. Wer nicht erkennt was uns Gesetz und Pflicht, dem wird sein Spiegel nicht erscheinen. Er wird keine Lücke schließen und schwimmt im ewigen Fluss.  Warst oft am Scheidepunkt, mein Lieber, doch hast Du immer wieder auf den guten Weg zurückgefunden.
Sag mir, wie oft hingst Du am Haken?“
Jan spürt plötzlich die Weite seines Geistes, die sanft von strahlendem Licht erfüllt wird.
„Du, der Du ich bist – ich habe so oft am Haken gesessen, wie ich Fische gefangen habe. Der Tod jedes dieser Schuppentiere war auch der meine.“
„Gut erkannt, Jan. Ich spüre, dass Dir quasi ein Licht aufgegangen ist.
 Jemand der seine Vergangenheit kennt,  sollte sorgfältig  auf seine Gegenwart sehen. Was Du tust und denkst, bestimmt was Du im nächsten Leben sein wirst. Die letzte Seite ist geschrieben und es ist an der Zeit, das Buch zu schließen. Es wird den Titel – Der Blick nach Innen – tragen.“
Am Abend finden zwei junge Männer den alten Jan, der, mit dem Ausdruck tiefster Zufriedenheit im Gesicht, tot neben seinem Angelhocker liegt.


 

 



Wenn ich Rentner bin…..
 
Endstation.
„Endlich Urlaub, mach`s gut Du alte Straßenbahn. Wir sehen uns in drei Wochen wieder.“ 
Fiete hat Urlaub. Die Fabrik muss nun eine Zeit lang ohne ihn auskommen, aber das wird sie irgendwann sowieso müssen. Fiete ist fast sechzig und freut sich schon auf den Ruhestand. „Sechs Jahre noch“, hat er zu seinem Kollegen Heinz gesagt, „sechs Jahre, dann habe ich Zeit für meine Hobbys.“
Fiete ist leidenschaftlicher Angler und hat auch schon manch kapitalen Fisch an Land befördert. Auch sammelt er leidenschaftlich gerne Pilze. Er hatte im Alter von zwanzig Jahren damit begonnen, die Mykologie, so nennt man die Lehre von den Pilzen, ausführlich studiert und eines Tages auch die Prüfung zum Pilzsachverständigen abgelegt. Oft sah man ihn durch die Wälder streifen. Was manchem Nachbarn oder Bekannten seltsam vorkam war, dass Fiete zu fast jeder Jahreszeit, irgendwelche Pilze mit nach Hause brachte.
„Pilze wachsen nicht nur im Herbst, meine Lieben“, hatte er oft gesagt. „Der versierte Pilzsammler kennt nun mal mehr leckere Hütchen als diese Sonntagssammler.“
Auf dem Heimweg kommt er an einer Trinkhalle vorbei. Drei junge Männer, jeder von ihnen hat eine Flasche Bier in der Hand, grölen „altes, deutsches Liedgut“ in den nahenden Abend.
„Na Opa, die Lieder kennste doch auch noch, oder?“
Fiete ging weiter.
„Hey Alter, hörste nicht? Ich hab gesagt Du sollst mitsingen.“ Einer der Typen reisst an Fietes Mantel und gibt ihm, mit der flachen Hand, einen Schlag vor die Stirn. Fiete stiößt ihn zurück. „Verschwindet Ihr Rotznasen und lasst mich nach Hause gehen. Ich habe den ganzen Tag schwer malocht.“
„Fass unseren Kumpel nicht an, Du Missgeburt“, hört er noch, dann sinkt er zu Boden. Einer der Jugendlichen hatte ihm eine Flasche Bier auf den Kopf gehauen. Sie treten noch einige Male auf den armen Kerl ein, treffen Gesicht, Brust und Rücken, Dann verschwinden sie ganz schnell, denn der Trinkhallenbesitzer steht, mit einem Handy am Ohr, an der Türe .
 
Vierzehn Tage liegt Fiete im Koma. Mehrere Rippenbrüche, Prellungen und Platzwunden werden verheilen, aber durch die Gehirnprellung kommt es zu einem bleibenden Ausfall von Gehirnnerven. Riechen und hören kann Fiete nicht mehr, Geruchsnerv und Hörnerv sind betroffen. Die schweren motorischen Störungen werden durch Rehabilitationsmaßnahmen wohl etwas besser werden, glauben die Ärzte.
 
Fiete ist jetzt Rentner, er vermisst seinen Job und seine Kollegen. In gewissen Abständen sieht er sich Filme an, die über Angelerlebnisse berichten. Manchmal blättert er in seinem Pilzfotoalbum, und manchmal, manchmal sieht man ein Tränchen über seine Wangen rollen.
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